
Es gibt einen Satz, der in der Suchtarbeit so oft wiederholt wird, dass er irgendwann wie eine Tatsache klingt: „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker." Oder: „Einmal Junkie, immer Junkie."
Der Satz ist gut gemeint. Er soll schützen. Und er hat für manche Menschen seinen Wert – als Warnung vor Selbstüberschätzung.
Aber er ist kein Naturgesetz. Er ist eine Annahme. Und sie hat Folgen.
Wer jahrelang hört, er werde „das" nie los, beginnt irgendwann, es zu glauben. Und was man glaubt, wird zur Grundlage von Entscheidungen.
Das zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern im Alltag: Warum es versuchen, wenn es ohnehin nicht geht? Warum nach einem Rückfall weitermachen, wenn man ja „eh wieder dort ist"? Der Satz liefert die Begründung für das Aufgeben gleich mit.
Fachlich nennt man das erlernte Hilflosigkeit: die Überzeugung, dass das eigene Handeln keinen Unterschied macht. Sie entsteht nicht aus Schwäche, sondern aus Erfahrung – und aus Erzählungen, die man über sich hört.
Hans R. Hoffmann hat dazu eine Position, die in der Suchtarbeit nicht selbstverständlich ist: Sucht ist keine unheilbare Krankheit, sondern eine erlernte Hilflosigkeit. Ein Verhalten, das irgendwann außer Kontrolle geraten ist – und das sich wieder verlernen lässt.
Der entscheidende Punkt dabei: Ein erlerntes Verhalten ist an Bedingungen geknüpft. An Situationen, Tageszeiten, Menschen, Gefühle. Wer diese Bedingungen verändert, verändert das Verhalten – nicht durch Willenskraft, sondern durch andere Auslöser.
Das ist kein Versprechen. Es ist eine andere Sichtweise auf dieselben Fakten, und sie hat praktische Konsequenzen: Sie verschiebt die Frage von „Was bin ich?" zu „Was habe ich gelernt, und was davon brauche ich nicht mehr?"
Es gibt einen zweiten Mechanismus, der oft übersehen wird. In vielen Behandlungen entsteht eine Erzählung: die Geschichte der eigenen Erkrankung. Sie wird eingeübt, in Gruppen vorgetragen, wiederholt.
Irgendwann ist sie nicht mehr Beschreibung, sondern Identität. Man ist nicht jemand, der ein Muster hatte. Man ist „ein Alkoholiker".
Das hat eine paradoxe Wirkung: Die Behandlung, die helfen soll, zementiert das, wovon sie befreien will.
Man muss dieser Sichtweise nicht folgen. Der Satz hat eine legitime Funktion: Er warnt vor Selbstüberschätzung. Wer nach einer erfolgreichen Behandlung glaubt, wieder „kontrolliert" trinken zu können, geht oft denselben Weg noch einmal.
Deshalb ist die Frage nicht, ob der Satz falsch ist. Sondern was er als Erstes bewirkt. Als Warnung an einen Menschen, der gerade stabil ist, hilft er. Als Prognose für einen Menschen, der noch mittendrin steckt, nimmt er ihm die Grundlage, überhaupt anzufangen.
Beide Wirkungen sind real. Die Frage ist, an welcher Stelle man sie einsetzt.
In der Logik des Satzes ist ein Rückfall der Beweis: Da ist er wieder, der Süchtige. Er war nie weg.
In der Logik des erlernten Verhaltens ist ein Rückfall eine Information: eine Situation, in der das alte Muster stärker war als das neue. Das ist unangenehm, aber es ist bearbeitbar. Es sagt, wo die Arbeit noch nicht fertig war.
Der Unterschied liegt nicht in der Freundlichkeit, mit der man darüber spricht. Er liegt darin, was danach passiert. Der erste Rahmen führt zum Aufgeben. Der zweite führt zurück in die Arbeit.
Die Arbeit auf Gozo setzt an einer anderen Stelle an – nicht an der Vergangenheit, sondern an dem, was als Nächstes kommt. Nicht „warum bin ich so geworden", sondern „wie will ich leben".
Das klingt nach einem kleinen Unterschied in der Fragestellung. Es ist der Unterschied zwischen Aufarbeitung und Bewegung. Und er verändert, was am Ende dabei herauskommt.
Wer nur versteht, warum er so geworden ist, hat die Vergangenheit erklärt. Wer weiß, wie er leben will, hat eine Richtung.
Wer einen Menschen begleitet, der diesen Satz mit sich trägt, kann eines tun: ihn nicht bestätigen. Nicht mit dem Satz trösten, nicht mit der Prognose drohen.
Statt „du wirst das nie los" hilft die Frage, die den Menschen wieder zum Handelnden macht: Was hat dir das bisher gegeben? Und was würdest du tun, wenn es nicht mehr nötig wäre?
Das ist kein therapeutischer Trick. Es ist der Unterschied zwischen einer Person, die ein Problem hat, und einer Person, die das Problem ist.
Diese Sichtweise bedeutet nicht, dass Sucht harmlos ist. Sie bedeutet nicht, dass Willenskraft reicht. Und sie bedeutet nicht, dass niemand Rückfälle hat.
Sie bedeutet nur: Die Annahme, dass ein Mensch für immer das bleibt, was er einmal getan hat, ist eine Annahme – keine Tatsache. Und sie ist eine, die Menschen kleiner macht, als sie sind.
Wer diesen Satz hinterfragt, muss nichts beschönigen. Er muss nur aufhören, eine Prognose als Identität zu behandeln.
Wenn Sie diesen Satz selbst seit Jahren mit sich herumtragen, ist das erste Gespräch der Ort, an dem er geprüft werden kann. Vertraulich und ohne Verpflichtung.