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Führungskräfte und Alkohol: Wenn Funktionieren zur Falle wird

Führungskräfte und Alkohol: Wenn Funktionieren zur Falle wird

Es gibt ein Muster, das Hans R. Hoffmann in über 30 Jahren Begleitung immer wieder begegnet ist. Es beginnt nicht mit einem Kontrollverlust. Es beginnt mit einer Lösung.

Alkohol als Werkzeug

Ein Unternehmer, der abends nicht abschalten kann, trinkt ein Glas. Nicht um betrunken zu werden, sondern um den Tag zu beenden. Eine Führungskraft, die vor einem schwierigen Gespräch steht, trinkt eines, um ruhiger zu werden. Ein Anwalt trinkt nach einem Verhandlungstag, um die Anspannung abzulegen.

Das ist funktional. Es tut, was es soll. Und genau deshalb bleibt es so lange unbemerkt – von außen und von innen.

Der Unterschied zur Abhängigkeit ist am Anfang kein Menge-Problem, sondern ein Verhältnis: Das Glas ist kein Genuss mehr, es ist ein Werkzeug. Es wird nicht getrunken, weil es schmeckt. Es wird getrunken, weil eine Aufgabe gelöst werden muss.

Warum es lange unentdeckt bleibt

Menschen in Verantwortung sind geübt darin, zu funktionieren. Sie liefern, sie halten Termine, sie treffen Entscheidungen. Solange die Leistung stimmt, sieht niemand ein Problem – und das ist der eigentliche Mechanismus.

Dazu kommt die soziale Lage. Ein Vorstand, der abends Wein trinkt, fällt nicht auf. Ein Manager mit Whisky in der Schublade fällt nicht auf. Der Kontext liefert die Legitimation gleich mit: Geschäftsessen, Netzwerkabende, Repräsentation.

Und niemand spricht es an. Nicht die Assistentin, nicht der Vorstandskollege, nicht die Ehefrau. Nicht aus Gleichgültigkeit – sondern weil die Konsequenzen eines offenen Wortes für alle Beteiligten unklar sind.

Der Punkt, an dem es kippt

Irgendwann reicht die Menge nicht mehr. Nicht weil die Person schwächer wird, sondern weil der Körper sich anpasst. Es folgen Dinge, die sich nicht mehr als Werkzeug erklären lassen: der Morgen, an dem die Hände zittern. Die Nacht, in der ohne Alkohol kein Schlaf kommt. Der Tag, an dem eine Entscheidung im Meeting schwerfällt, die vor drei Jahren selbstverständlich war.

Spätestens dann wird aus dem Werkzeug eine Bedingung. Und aus einer Frage des Lebensstils eine Frage der Substanz.

Warum klassische Angebote hier scheitern

Für diese Gruppe ist das Problem nicht die Behandlung. Es ist der Weg dorthin.

Eine Klinikanmeldung bedeutet: Akte, Abrechnung, Fehlzeit, Erklärung. Eine Gruppe bedeutet: fremde Menschen kennen die eigene Geschichte. Ein langer Aufenthalt bedeutet: das Unternehmen führt sich in der Zwischenzeit nicht selbst.

Das Ergebnis ist bekannt. Viele Betroffene wissen seit Jahren, dass sie etwas tun müssten. Sie tun es nicht, weil der Preis des Bekanntwerdens höher wirkt als der Preis des Weitermachens.

Solange dieser Vergleich so ausfällt, wird keine Behandlung der Welt in Anspruch genommen – egal wie gut sie ist.

Was Angehörige sehen – und was nicht

Von außen ist das Muster schwer zu erkennen, weil es sich in akzeptierten Formen zeigt. Der Wein zum Abendessen, das Bier nach dem Sport, der Drink auf der Veranstaltung. Alles davon ist gesellschaftlich normal.

Angehörige bemerken meist nicht die Menge, sondern die Veränderung: dass jemand gereizt wird, wenn kein Alkohol in Reichweite ist. Dass der Abend anders endet als früher. Dass Gespräche über das Thema ausweichen.

Und sie sprechen es selten an. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Reaktion vorhersehbar ist – und weil man in einer Familie oder einem Unternehmen selten derjenige sein will, der das ausspricht.

Warum Zahlen nicht weiterhelfen

In der Diskussion über Alkohol geht es fast immer um Mengen: Wie viele Gläser pro Woche sind noch in Ordnung? Wo beginnt die Abhängigkeit?

Für die Frage, ob jemand etwas ändern sollte, ist das der weniger hilfreiche Maßstab. Zwei Menschen mit derselben Wochenmenge können völlig unterschiedliche Verhältnisse zum Alkohol haben – der eine genießt, der andere regelt damit seinen Tag.

Der brauchbarere Maßstab ist die Funktion, die wir oben beschrieben haben. Und die kann nur der Betroffene selbst beantworten.

Nicht die Menge entscheidet, ob es ein Problem ist. Sondern die Frage, ob man ohne sie den Tag beenden kann.

Was den Unterschied macht

Deshalb ist der Rahmen kein Detail, sondern die Voraussetzung. Ein Ort ohne Verbindung zum beruflichen Umfeld. Ein Zeitfenster, das sich als Auszeit oder Retreat erklären lässt. Ein Gegenüber, das die Situation kennt und nicht bewertet.

Und eine Arbeit, die nicht bei der Substanz anfängt, sondern bei der Funktion: Welche Aufgabe hat der Alkohol übernommen? Was passiert, wenn diese Aufgabe anders gelöst wird?

Wer nach außen stark wirkt, muss innen nicht stark sein. Aber er muss einen Ort haben, an dem er es nicht sein muss.

Was danach kommt

Die eigentliche Arbeit beginnt nicht auf Gozo, sondern danach. In den 100 Tagen der Integration zeigt sich, ob der neue Umgang mit dem Tag auch dann hält, wenn die Deadline zurück ist und das Telefon wieder klingelt.

Genau deshalb endet die Begleitung nicht mit der Abreise. Es geht nicht um Kontrolle, sondern darum, in dem Moment erreichbar zu sein, in dem sich entscheidet, ob etwas trägt.

Der erste Schritt

Der erste Schritt ist kein Entschluss und keine Anmeldung. Er ist ein Gespräch – vertraulich, unverbindlich, ohne dass daraus etwas folgen muss.

Wenn Sie sich in diesem Text wiederfinden, ist das kein Beweis für ein Problem. Es ist eine Beschreibung, die Sie prüfen können.

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